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Sarah Kuttner – 180 Grad Meer

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität. Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.

KURZ GESAGT

Ich fühle mich diffus traurig und überfordert. Als würde ich von imaginären Massen bedrängt, und gleichzeitig fühle ich mich merkwürdig zurückgelassen. Ich habe außerdem ein permanentes Bedürfnis nach Meer. S. 145

Sarah Kuttner war mir bisher eher als Fernsehmoderation bekannt. „180 Grad Meer“ ist also mein erster Roman von ihr, mit dem die Berliner Großschnauze (ist nett gemeint, wir Berliner haben sie alle irgendwie 😉 ) beweist, dass sie auch schreiben kann.

Protagonistin Jule ist eine Figur, die einem von Sarah Kuttner gut nahe gebracht wird. Zwar konnte ich nicht immer ihr Verhalten, dafür aber eindeutig ihre Gefühle und Denkweisen nachvollziehen. Manchmal wirkt sie unsympathisch und anstrengend, weil in ihr so viel Wut ist, dass man das Gefühl bekommt, sie müsste jeden Moment explodieren. Aber man versteht sie.  „180 Grad Meer“ ist ein Roman, der sich abhebt. Ein Buch, das sich trotz nicht immer einfacher Sprache erstaunlich flüssig lesen lässt und durch absolut durchschnittliche Figuren besticht (was übrigens mal eine wahre Erfrischung ist!). Das Buch ist nicht rasant, eigentlich nicht wirklich spannend und auch nur wirklich sehr selten sowas wie witzig. Aber es ist interessant und berührt irgendwo einen Punkt in mir. Es ist ein Buch, über das man nachdenkt, das man reflektiert, das in einem nachhallt und das trotz der relativ geringen Seitenzahl überraschend tiefgründig ist. Ein bisschen schade fand ich nur, dass die Beziehung zu Jules Vater etwas oberflächlich und kurz abgehandelt wurde. Aber sonst: Alle Achtung, Frau Kuttner, für dieses Werk.

ABSCHLUSSWORTE

In „180 Grad Meer“ versucht Protagonistin Jule zu sich selbst zu finden, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und mit sich und vielleicht auch mit der Welt sowas wie ins Reine zu kommen. Manchmal gelingt es ihr, manchmal auch nicht. Dabei ist es als Leser sehr interessant Jule auf diesem Weg zu begleiten. „180 Grad Meer“ sticht zwischen den ganzen Happy Endings in der Literaturwelt eindeutig heraus. Und wenn der eine oder andere eventuelle Schwierigkeiten mit Jule als Person haben könnte, so ist dieses Buch durchaus eine Empfehlung wert.

4/5 Punkte


LITERARISCHE INFOS

Fischer Verlage | Dezember 2015 | 272 Seiten | Einzelband | Hardcover | 18,99 EUR

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