Thaïs Leblanc wächst nach dem Tod der Mutter bei ihrer Großmutter auf, der unvergleichlichen Victoria, wie sie auf Zirkusplakaten tituliert wird. Thaïs verabscheut das Zirkusleben und zieht, kaum volljährig, nach Paris; sie will nur eins: Normalität. Doch als die Großmutter stirbt, konfrontiert deren seltsames Testament sie mit ihrer Familiengeschichte, die sie zum wundersamen Cirque perdu und seinem Direktor Papó bringt. Dort lernt Thaïs, dass man sich seinen Ängsten stellen muss und für die wichtigsten Dinge im Leben keinen Applaus von anderen braucht.

 

MEINE MEINUNG

Der Zirkus der Stille – ein Titel der gegensätzlicher nicht sein könnte. Denn eigentlich ist ein Zirkus alles andere als still. Anders als man vielleicht auch erwartet, geht es hier gar nicht direkt um das Zirkusleben, sondern im Mittelpunkt steht hier die Familiengeschichte von Thaïs. Und dabei ist dieses Buch genauso faszinierend wie der Titel selbst.

Denn wir sind alle kleine Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben. S.209

Dass Thaïs das Zirkusleben nie mochte, konnte ich ihr nicht verdenken. Für mich wäre das auch nichts, ständig unterwegs zu sein, immer gute Laune haben zu müssen und immer mehr als 100% geben. Ihren Entschluss mit 18 dem Zirkus den Rücken zu kehren, war daher nur verständlich. Nach dem Tod ihrer Großmutter, wird Thaïs jedoch durch ein eher außergewöhnliches Testament auf die Spur des Cirque perdu und damit auf ihre Familiengeschichte gebracht. Und schon hier spürte man, dass etwas geheimnisvolles in der Luft liegt, dass es zu entdecken galt. Für dieses Geheimis verlässt Thaïs ihr so lang ersehntes geordnetes Leben in Paris und wagt stattdessen einen Neuanfang ohne Altlasten und von dem sie nicht weiß, was die Zukunft ihr bringt. Der Cirque perdu ist ein ungewöhnlicher Zirkus ohne Manege, ohne Tiere, ohne Artisten. Der Zirkus lehrt Dinge über das Leben, zeigt was wirklich zählt und dass man sich seinen Ängsten stellen kann und manchmal sogar muss, um über sich selbst hinauszuwachsen. Durch den Cirque perdu findet Thaïs zu ihren eigenen Wurzeln zurück, von denen sie glaubte, sie längst verloren zu haben. Und durch genau diesen Zirkus reift Thaïs im Verlauf der Geschichte.

Ich war so versessen darauf gewesen, ein normales Leben zu führen, dass ich mich nie gefragt habe, ob ein normales Leben auch ein gutes Leben war. S. 57/58

Peter Goldammer hat seinen sehr klaren, flüssigen Schreibstil, in dem gelegentlich etwas philosophisches mitschwingt. Zu meiner Überraschung hat er die Ich-Perspektive von Thaïs gewählt. Damit lässt er einen damit diese geheimnisvolle Welt rund um den Cirque perdu durch ihre Augen sehen. Dabei verliert er sich nicht in Nebensächlichkeiten oder Kleinigkeiten, sondern hat alles perfekt und exakt auf den Punkt gebracht. Goldammer hat in seinem Debütroman einzigartige und interessante Figuren geschaffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Zirkus und seine Personen selber kommen einem mysteriös, weltfremd und ein kleines bisschen schräg vor, was sie nur interessanter, wenn nicht sogar besonders macht. Und auch wenn der Zirkus bzw. das Zirkusleben selber gar nicht der Hauptpunkt dieser Geschichte ist, so gilt es die Personen dahinter zu entdecken und mitzuerleben, wie Thaïs Stück für Stück die Geschichte um ihre eigene Familie lüftet. Peter Goldammer kommt dabei ganz ohne Action aus. Es sind die leisen Töne, die dieses Buch mit sich bringt und dabei trotzdem laut auf diese schöne  Geschichte hinweisen.

 

ZUSAMMENFASSEND

“Der Zirkus der Stille” ist eine faszinierende Geschichte über einen eher ungewöhnlichen Zirkus und einer Familiengeschichte voller Geheimnisse. Peter Goldammer hat dabei einzigartige, teils verrückte Charaktere geschaffen, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Man sollte sich eine Karte lösen und sich Thaïs und den Cirque perdu einmal genauer ansehen. Denn dieses Buch sticht aus der Masse heraus und ist eine Vorstellung wert.

5/5 Punkte


LITERARISCHE INFOS

Atlantik Verlag | April 2016 | 256 Seiten | Einzelband | Hardcover | 20,00 EUR

2 Replies to “Peter Goldammer – Der Zirkus der Stille”

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