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Antoine Laurain – Die Melodie meines Lebens

Ein Brief, der mit 33 Jahren Verspätung sein Ziel erreicht, stellt Alains ruhiges Leben auf den Kopf. Er ist Arzt und hat die fünfzig überschritten, seine Frau betrügt ihn, die Kinder sind längst aus dem Haus – trotzdem ist er eigentlich ganz zufrieden. Doch eines Morgens liegt in der Post ein Plattenvertrag für Alains Band The Hologrammes – von 1983. Alain wird zurückgeworfen in eine Zeit, als er und seine Band um ein Haar berühmt geworden wären, als noch alles möglich schien. Er macht sich auf die Suche nach den anderen Bandmitgliedern – und findet einen erfolgreichen, aber verbitterten Künstler, dessen Freundin Alain ein vieldeutiges Lächeln schenkt, einen Präsidentschaftskandidaten und einen populistischen Politiker. Nur die Sängerin, die schöne Bérangère, in die Alain heimlich verliebt war, scheint zunächst verschwunden …

MEINE MEINUNG

Ich habe bis auf “Liebe mit zwei Unbekannten” bisher jedes ins Deutsche übersetzte Buch von Antoine Laurain gelesen. Mittlerweile bin ich ein regelrechter Fan von des Autors. Was ich jedoch mit der Zeit gelernt habe ist, dass irgendwie jedes Buch von Laurain nicht das ist, was ich erwarte und jedes Buch mich trotzdem überzeugen kann. Allein schon deshalb, weil jedes Buch für sich eine ganze eigene Dynamik an den Tag legt und nicht mit den anderen Büchern des Autors zu vergleichen ist, so wie man es manchmal bei Autoren macht (oder machen kann).

Man kann zunächst meinen, dass es bei einem Buch mit dem Titel „Die Melodie meines Lebens“ nur um Musik und die altbekannte Nostalgie für die Vergangenheit geht. Aber es geht natürlich um einiges mehr. Um verpasste Chancen und verlorene Lieben, Freundschaften, die sich auseinanderleben, um Fragen wie „Was hätte sein können?“ und „Was wäre, wenn…?“. Eben genau darum, wie das Leben nun mal spielt und dabei offenbar seine eigene Melodie und den eigenen Takt vorgibt.

Eigentlich geht es hier nämlich nicht groß um die Musik. Sicherlich, als Alain, der ein ruhiges Leben als Arzt führt, den Brief einer Plattenfirma mit 33 Jahren Verspätung erhält, steht sein geordnetes Leben zunächst Kopf. Angetrieben von den Erinnerungen, sucht er die anderen Bandmitglieder, in der Hoffnung, dass einer von ihnen noch eine Kopie des damaligen Demobandes hat. Tatsächlich geht es dann aber eher um die einzelnen Bandmitglieder an sich. Darum, wie sie sich entschieden haben ihr Leben zu leben und wie diese Entscheidungen möglicherweise andere beeinflussen können. Niemand der ehemaligen Bandmitglieder ist der Musik treu geblieben, sondern sie haben in den 30 Jahren, die vergangen sind, völlig unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Herauszufinden, wie sich jeder Einzelne nach dem Scheitern von „The Hologrammes“ entwickelte, überlasse ich an dieser Stelle euch, denn es ist in Anbetracht der kurzen Romane von Laurain eh schon immer etwas kritisch, eine Rezension zu schreiben, bei der nicht allzu viel verraten wird.

Wie ich schon sagte, jeder Roman des Autors entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die mich in den Bann zieht. So ist „Die Melodie meines Lebens“ teilweise humorvoll aber auch genauso sanft und einfühlsam, versehen mit etwas Melancholie für Vergangenes. Aber man bewegt sich auch viel in der Gegenwart und darum, wie die einzelnen Bandmitglieder ihr Leben heute leben. Und damit dieser Roman auch absolut zeitgemäß wird, bietet Laurain gleichzeitig immer wieder einen kritischen Blick auf die heutige Politik. Zudem ist es immer wieder interessant, wie das Leben von Menschen sich manchmal zufällig oder absichtlich schneiden kann. Gerade in solchen Geschichten ist der Autor sehr gut, was er schon einige Male unter Beweis gestellt hat.

ABSCHLUSSWORTE

“Die Melodie meines Lebens” ist ein einfühlsamer Roman über das Leben und die verschiedenen Entscheidungen, die man trifft. Ein Roman, über den eigenen Takt des Lebens mit verpassten Chancen und der Nostalgie, die die Vergangenheit irgendwann im Laufe des Lebens mit sich bringt. Aber auch ein Roman, der von der Gegenwart lebt und sich darum dreht, wie die das Leben von Personen sich ändert und entwickelt. Einen zeitgemäßen Blick bietet dabei auch die kritische Sicht auf die heutige Politik. Auch wenn ich zwischendrin kurzzeitig Stellen hatte, die mich langweilten oder die für mich unwichtig waren, so ist „Die Melodie meines Lebens“ gesamt gesehen wieder ein gelungener Roman des französischen Autors.

4/5 Punkte


LITERARISCHE INFOS

Atlantik Verlag | September 2017 | 256 Seiten | Hardcover | 20,00 EUR
Originaltitel: Rhapsodie francaise | übersetzt von Sina de Malafosse

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