Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Rezensionsexemplar

Turtle Alveston, so verletzlich wie stark, ist eine der unvergesslichsten Heldinnen der zeitgenössischen Literatur. Sie wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, wo sie jede Pflanze und jede Kreatur kennt. Auf tagelangen Streifzügen in der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres charismatischen und schwer gestörten Vaters. Erst als sie ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt die Befreiung aus seinen Klauen.
 

GEDANKEN ZU „MEIN EIN UND ALLES“

Julia „Turtle“ Alvestons Kindheit ist geprägt von emotionaler, seelischer und körperlicher Gewalt und Missbrauch. Ihr Vater Martin ist ein – für mich – Geistesgestörter, der Turtle einerseits kleinhält und ihr immer wieder einredet, dass sie zu nichts zu gebrauchen sei und andererseits immer wieder beteuert, dass sie sein Ein und Alles ist. Die körperliche Nähe, die Martin Tag für Tag bei ihr sucht, geht viel zu weit über das Normalmaß einer Vater-Tochter-Beziehung hinaus. Man fühlt sich beim Lesen genauso hilflos wie Turtle. Kann nur ebenso machtlos zusehen, wie sich der Vater immer wieder an der Tochter vergreift, wie herabwürdigend und menschenverachtend er sie behandelt.

„Mein Ein und Alles“ ist keine leichte Lektüre. Es ist ein Buch, dass zu Diskussionen anregen und vermutlich polarisieren wird. Ich habe dieses Buch fassungslos und mit einem Kopfschütteln gelesen. Die seelische Abhängigkeit und der Missbrauch in so vielen verschiedenen Ebenen ist erschreckend. Es war schlichtweg verstörend. Trotzdem habe ich mich sehr schwer getan mit diesem Roman. Und das so ziemlich von Anfang an.

Zum einen fand ich es sehr schwierig mich in Turtle hineinzuversetzen. Emotionen kamen bei mir kaum an, falls Turtle überhaupt mal welche zeigt. Vielleicht war es die gewählte Sicht der dritten Person, in der Gabriel Tallent schreibt, die alles so kühl und distanziert wirken ließ und die bewirkte, dass ich mich Turtle und ihrem Charakter einfach nicht nah genug fühlte. Vielleicht ist es aber auch einfach so, wenn man jahrelang unter einem tyrannischen Vater wie Martin lebt. Was es auch ist, die emotionale und vor allem psychologische Tiefe und Sensibilität, um das alles wirklich verstehen und nachvollziehen zu können, fehlten mir. Nichts, was ich bei diesem Thema hätte fühlen sollen, kam zu mir durch.

Zum anderen war es der Erzählstil und der Verlauf der Handlung. Oft verläuft sich die Handlung in Banalitäten, ist geprägt von endlosen Beschreibungen und Szenen in der Natur. Diese Beschreibungen nahmen der Geschichte das Tempo. Zudem wirkte das eigentliche Thema, nämlich die Gewalt und der Missbrauch durch Martin, dadurch oft nebensächlich und rückte viel zu sehr in den Hintergrund. Oft empfand ich es einfach als langatmig und zäh. Als würde die Handlung und Turtles Entwicklung einem Stillstand gleichen. Außerdem wirkte alles sprunghaft. Gabriel Tallent springt von einer Naturszene zu einer Erinnerung von Turtle, in der sie der Gewalt ihres Vaters ausgesetzt ist, wieder zurück zur Natur und dann plötzlich ganz woanders hin. So schnell, wie einige Szene auftreten, so schnell sind sie auch teilweise wieder verschwunden. Manchmal kam ich einfach nicht hinterher. Letztendlich gab es auch einfach zu viele Handlungsfäden, die angefangen und nie fortgeführt wurden. Zu viele Fragen blieben offen. Was ist beispielsweise mit Turtles Mutter passiert? Das ist eine von vielen Fragen, die nie geklärt wird.

Auch die Sprache ist nicht für jedermann etwas und oft auch nichts für Zartbesaitete. Sie ist derb, teils brutal, schonungs- und rücksichtslos. Gewalt und Kraftausdrücke sind an der Tagesordnung. Selbst in der wörtlichen Rede. Der Schreibstil sprach mit einfach nicht an und war so sehr gespickt mit F- und anderen Wörtern, dass es ab einem gewissen Punkt nur noch unerträglich war. Auch über den angesprochenen Umgang und die Besessenheit von und mit Waffen kann man streiten. Wobei das noch am wenigsten problematisch für mich war, denn das halte ich in amerikanischen Familien leider für sehr realistisch.

Am Ende wartet der Autor mit einem spannenden, fast schon thrillerartigen Finale auf. Das lies mich tatsächlich den Atem anhalten und an dieser Stelle konnte ich das erste Mal für Turtle hoffen, dass sie es schafft, von ihrem Vater loszukommen. Aber 50 Seiten reißen das Ruder nicht mehr wirklich rum.
 

KURZ & KNAPP

„Mein Ein und Alles“ ist polarisierend, wird zu vielen Diskussionen führen und ganz sicher auch die Leser in Deutschland spalten. Ich glaube, bei diesem Buch wird es kein „dazwischen“ geben – entweder man mag es oder eben nicht. Ich gehöre leider zur zweiten Kategorie. Zu verstörend war die ganze Geschichte, zu sehr rückte der Missbrauch von Turtle immer wieder in den Hintergrund. Zu viele Banalitäten, die die Geschichte in die Länge zogen. Und schließlich die fehlende psychologische und emotionale Tiefe. Für mich persönlich ist der Hype um Tallents Debüt nicht gerechtfertigt. Vielleicht war ich aber auch einfach nicht die richtige Leserin.

Overall
1.5
  • Umsetzung
  • Schreibstil
  • Charaktere
  • Spannung

{Werbung} Infos zum Buch:
Penguin Verlag // ET: September 2018 // 480 Seiten // Einzelband // Hardcover // 24,00 EUR
Originaltitel: My Absolute Darling // übersetzt von Stephan Kleiner

2 Kommentare bei „Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles“

  1. Bore da, Ela.
    Manche Eltern hausieren nach wie vor mit der Vorstellung, dass ihre Kinder eine Verfügungsmasse seien, persönliches Eigentum oder der Fußabstreifer für die eigenen Unzulänglichkeiten. Sie erkennen weder die Individualität der Kinder, noch sehen sich diese Eltern in der Aufgabe, sie mit dem Leben vertraut zu machen. Wichtig scheint einzig die Bedienung eigener Bedürfnisse.
    Yikes!

    Wenn man/frau einmal davon ausgeht, dass „Turtle“ sich emotional, intellektuel hinter ihren Schild zurückgezogen hat (mit der Natur als ihrer „eigentlichen Welt“), dann sollte dieser Panzer mit den Geschehnissen, hin zum Ende, aufbrechen. In der Folge den Lesern die eigentliche Person Julias aufzeigen. Die Begegnung mit Jacob bewirkt ja etwas in ihr.
    Gut möglich also, dass sich der Autor in der Gewichtung seines Erzählaufbaus schlicht vertan hat.

    Wie ein derart komplexes Thema intensiver beschrieben werden kann, zeigt wohl die Autobiographie von Janet Frame – „Ein Engel an meiner Tafel“.

    bonté

    1. Hallo,
      sicherlich soll Julias Panzer am Ende aufbrechen und es ist ja nicht so, dass sie gar keine Entwicklung durchlebt. Gerade wenn man versucht ihren Gedanken zu folgen, sieht man zwischendrin, dass doch ein kleiner Fortschritt vorhanden ist. Aber letztlich gab es so viele Gründe, die ich ja versucht habe darzulegen, warum mir das Buch nicht wirklich zugessagt hat.

      Liebe Grüße, Ela

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