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Rezension, Romane

Rezension | Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek

Matt Haig - Die Mitternachtsbibliothek

Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gefüllt mit all den Leben, die du hättest führen können. Alles, was du jemals bereut hast, könntest du ungeschehen machen. Genau dort findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort zwischen Raum und Zeit, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, hat sie plötzlich die Möglichkeit, all das zu ändern, was sie aus der Bahn geworfen hat. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?

– Droemer Knaur Verlag


 

GEDANKEN ZU „DIE MITTERNACHTSBIBLIOTHEK“

Welches Leben würde man führen, wenn man sich anders entschieden hätte? Wenn man einen anderen Beruf gewählt, vielleicht doch „ja“ zu dem Date gesagt hätte oder doch mit der besten Freundin auf Reisen gegangen wäre? Wäre man in einer anderen Lebensversion glücklicher? Genau dieser Frage geht Matt Haig in DIE MITTERNACHTSBIBLIOTHEK auf den Grund.

In der Mitternachtsbibliothek, irgendwo zwischen Leben und Tod, bekommt Protagonistin Nora nach einem Selbstmordversuch die Chance, all die Wege einzuschlagen, die sie in der Vergangenheit nicht gewählt hat. Was-wäre-Thematiken in Büchern gibt es oft. Während die meisten Bücher aber parallele Handlungen aufbauen, die je nach Entscheidung anders verlaufen, lässt Matt Haig seine Protagonistin hier ergründen, ob der Tod wirklich die richtige Wahl ist und ob sie in einem anderen Leben nicht glücklicher geworden wäre. Es verlaufen also keine parallelen Handlungen, sondern Nora überlegt immer wieder von neuen, welche Entscheidung sie vielleicht bereut und probiert dieses Leben dann aus.

Nora selbst ist ein spannender, teils komplexer, zerbrechlicher Charakter. Man kann sich gut in ihre Traurigkeit und Dunkelheit hineinversetzen. Aber in den verschiedenen Lebensversionen merkt man auch, wie abenteuerlustig sie sein kann, wie selbstsicher, was für eine gute Freundin, sorgende Nachbarin und liebevolle Schwester sie ist.

DIE MITTERNACHTSBIBLIOTHEK ist ein interessantes Spiel aus Neugier und Selbstzweifeln. Matt Haig kratzt immer wieder an den Entscheidungen, die man bereut – und bei Nora waren das verdammt viele Entscheidungen. Ehrlicherweise haben mir nicht alle Lebensversionen zugesagt, ein paar waren mir auch zu langgezogen, sodass mir manchmal die Spannung fehlte. Die meisten Lebensentwürfe von Nora fand ich aber unterhaltsam, einige waren emotional und sensibel, alle irgendwie doch nah an der Realität. Allerdings war ab dem letzten Drittel klar, worauf das Ende und Noras Entscheidung hinausläuft, denn Nora macht nach jedem neuen Lebensentwurf eine interessante Selbstreflexion durch.

Matt Haig hat hier eine gut gelungene Mischung aus (sehr viel) Philosophie, Magie, Zeitreise, die Kunst des Geschichtenerzählens und Erkenntnissen aus der Quantenphysik erschaffen. Es ist ein Buch über das Leben und den darin enthaltenen Entscheidungen, über das Bedauern, aber auch darüber, ebendieses Bedauern über verpasste Chancen loszulassen. Auch wenn es vielleicht nicht ganz einfach ist, das Buch mit so einer zerbrechlichen Person wie Nora zu lesen, bietet das Buch gleichzeitig auch sehr viel Liebe, Mitgefühl und Heilung.

 

KURZ & KNAPP

DIE MITTERNACHTSBILIOTHEK ist ein schöner Roman der sich mit verpassten Chancen, Bedauern über falsche Entscheidungen und der Frage nach einem anderen Leben beschäftigt. Gleichzeitig bietet das Buch auch viel Hoffnung. Noras Entwicklung und Selbstreflexion habe ich sehr gerne gelesen, allerdings fehlte mir zwischendurch etwas die Spannung und das Ende war sehr vorhersehbar. Trotzdem eine gute Umsetzung der Was-wäre-wenn-Thematik.

Insgesamt
7.8/10
7.8/10
  • Story - 8/10
    8/10
  • Charaktere - 7/10
    7/10
  • Schreibstil - 10/10
    10/10
  • Spannung - 7/10
    7/10
  • Emotionen - 7/10
    7/10
 
Bibliografie
Droemer Knaur Verlag – ET: April 2023 – 320 Seiten – Einzelband – Taschenbuch – 12,99 EUR
Originaltitel: The Midnight Library – übersetzt von Sabine Hübner
 
Ebenfalls von dem Autor rezensiert:
Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben // Wie man die Zeit anhält

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