Rezension

Kristin Hannah – Die Nachtigall

Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt?

 

GEDANKEN ZU „DIE NACHTIGALL“

Kristin Hannah schreibt in ihrem Nachwort selbst, dass im zweiten Weltkrieg immer nur die Männer die Helden waren, die am Ende dieser schrecklichen Ereignisse gefeiert wurden und in die Geschichtsbücher eingingen. Aber was ist mit den Frauen zu der Zeit? So viele von ihnen haben ebenfalls gekämpft. Vielleicht nicht mit Waffen, dafür aber auf die ihnen mögliche Art. „Die Nachtigall“ ist eine Geschichte über die Frauen im zweiten Weltkrieg. Über Mütter, Töchter, Schwestern, Ehefrauen, Freundinnen, Verbündete. Es ist die Geschichte über ihre Stärke, ihre Ausdauer, ihren Mut und ihre Opferbereitschaft. Es ist die  bewegende Geschichte von Isabelle und Vianne.

 

Frauen machen mit dem Leben weiter. Für uns war es ein Schattenkrieg. Und nachdem er vorbei war, gab es keine Paraden für uns, keinen Orden und keinen Platz in den Geschichtsbüchern. Im Krieg taten wir, was wir tun mussten, und nachdem er vorbei war, sammelten wir die Scherben ein und fingen nochmal von vorne an.
S. 599

 

Zunächst muss ich gestehen, dass ich ausgehend vom Klappentext etwas anderes erwartet habe. Ich dachte, Vianne wäre einfach zu Hause und würde versuchen für sich und ihre kleine Tochter zu sorgen. Ich dachte, Isabelle würde aus dem von Deutschland besetzen Frankreich flüchten. Nun, ein Teil war so, ein Teil nicht und das Buch war letztendlich so viel besser, als erwartet.

Vianne und Isabelle sind zwei Schwestern, die von Grund auf verschieden sind. Vianne verschließt zu Beginn die Augen vor dem Krieg. Als ihr Mann an die Front geschickt wird, zählt für sie nur zu Überleben und ihre kleine Tochter zu beschützen. Isabelle dagegen ist rebellisch und impulsiv, sie befolgt keine Regeln und will den Krieg nicht hinnehmen. Um sich den Deutschen zu widersetzen schließt sie sich der Widerstandsgruppe Résistance an. Die Mitglieder dieser Gruppe riskieren ihr Leben dafür, etwas zu verändern und so viele andere Menschen zu retten, wie sie nur können. Die unterschiedlichen Charakterzüge von Vianne und Isabelle wurden von der Autorin von Beginn an gut dargestellt und ausgearbeitet. Im Verlauf versteht man zunehmend, wie sie sich so differenziert entwickeln konnten.

 

Wenn ich in meinem langen Leben eins gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind
S. 7

 

„Die Nachtigall“ ist ein Buch, das mich fassungslos und wütend machte. Ja, man kennt die Geschichten über den zweiten Weltkrieg. Aber die Gewalt und Brutalität, die Arroganz der Deutschen, der menschenverachtende Umgang – es ist auch nach der 1.000 Geschichte immer noch erschreckend. Gleichzeitig hat die Geschichte mich auf so viele unterschiedliche Arten bewegt und berührt. Der Kampf ums Überleben nahm mich regelrecht mit. Den Mut und die Stärke, die Isabelle und Vianne und so viele Nebencharaktere immer und immer wieder bewiesen, die kämpften und ihr Bestmöglichstes gegeben haben, waren beeindruckend. Ebenso war es ihr unendlicher Lebenswille. Und dann stimmte es mich nachdenklich – wie würde man selbst mit einer solchen Situation umgehen? Wie würde man handeln, wie weit würde man gehen? Würde man es überhaupt durchstehen?

Die Ereignisse und Dinge verflechten sich immer mehr, sind eindringlich und ehrlich dargestellt. Es gibt viele schmerzhafte Szenen, aber neben der ganzen Grausamkeit und Brutalität, dem Hunger und den Leiden, den vielen Opfern gibt es auch Hoffnung, Mut und eine Menge Widerstandsfähigkeit. Und es geht auch um die Liebe, die die Schwestern trotz aller schrecklichen Momente immer wieder fanden – Liebe zu einem Mann, zur Familie, zu Freunden. Und das Ende? Nun ja, es herrscht nun mal leider Krieg. Nichts ist rosarot, es werden Opfer gebracht. Das Ende ist aber quasi der Gipfel an Emotionalität und auch wenn am Ende ein paar Tränen bei mir geflossen sind, so kann ich damit dennoch gut leben.

 

ZUSAMMENFASSEND

„Die Nachtigall“ beschäftigt sich auf sehr eindringliche, ehrliche und berührende Weise mit den Frauen im zweiten Weltkrieg. Es geht um die Erfahrungen und das Überleben der Schwestern Vianne und Isabelle. Es geht um ihren unendlichen Mut, ihre Stärke und ihren Kampfgeist. Neben der ganzen Brutalität und Grausamkeit, die man hier erlebt, finden auch immer wieder hoffnungsvolle Szenen ihren Weg in die Geschichte. Für mich persönlich ein Jahreshighlight und eine dringende Empfehlung.


{Werbung} Infos zum Buch

Rütten & Loening || ET: September 2016 || 608 Seiten || Einzelband || Hardcover || 19,99 EUR
Originaltitel: The Nightingale || übersetzt von Karolina Fell

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: Rütten & Loening

12 Comments

    • Ela

      Hallo Nicole,
      es freut mich, dass dir das Buch auch gefallen hat. Ich fand es wirklich faszinierend zu sehen, wie die Frauen damals gekämpft haben und dass sie auch eine Art Ehrung oder Stellenwert bekommen, falls das man so sagen kann. Und wie du es schon sagst – die Frauen haben endlich mal ein Gesicht bekommen. Es hat mich wirklich stark berührt.

      Alles Liebe, Ela

  • Lisa

    Liebe Ela,

    das Buch klingt fantastisch. Ich habe gerade „Léon und Louise“ von Alex Capus gelesen, das ein kleines bisschen Kriegsalltag beschreibt und ich lese jetzt „Ein Sack voll Murmeln“, in dem es um zwei Jungen geht, die aus Frankreich flüchten wollen. Der zweite Weltkrieg ist wirklich noch nicht lange her und ich finde es wichtig, mich damit auseinanderzusetzen. Beim Lesen stelle ich immer wieder fest, dass ich manchmal gar keine Vorstellung davon hatte, wie so ein Krieg abläuft. Danke für den tollen Buchtipp!

    Liebe Grüße
    Lisa

    • Ela

      Hallo liebe Lisa,

      ich habe immer ein bisschen „Angst“ vor solchen Büchern und überlege es mir immer dreimal, ob ich sowas lese. Sicherlich ist der zweite Weltkrieg noch nicht lange her und ich finde es eigentlich auch wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Aber mir macht dieses ganze Grauen und die Brutalität auch einfach sehr Angst und manchmal ist es wirklich nicht zu ertragen.

      Danke für die anderen zwei Tipps, ich werde mir diese mal ansehen. „Die Nachtigall“ kann ich dir aber auf jeden Fall empfehlen, es ist sehr eindringlich und berührend. Viel Spaß damit.

      Alles Liebe, Ela

  • -Leselust Bücherblog-

    Liebe Ela,
    Es ist schon eine Weile her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber mir hat es damals auch besonders gut gefallen, dass hier mal zwei Frauen im Mittelpunkt der Geschichte standen. Du hast Recht, im Prinzip kennt man ja schon viele Fakten über die Zeit, hat schon viel darüber gelesen. Aber dieser Roman hat für mich noch mal einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse eröffnet, weil er sich eben auf die Frauen konzentriert.
    Mir hat Vieannes Teil etwas besser gefallen, weil ich es so beeindruckend fand, wie sie –stellvertretend für so, so viele Frauen- mit der Situation umgehen musste, was sie alles geleistet hat und erleiden musste.
    Ein interessantes Buch auf jeden Fall.
    Liebe Grüße, Julia

    • Ela

      Liebe Julia,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich gebe dir Recht – dieses Thema ist immer noch so wichtig, aber hier fand ich es besonders schön, dass Kristin Hannah sich auf die Sicht der Frauen konzentriert hat.

      Ich fand beide Sichten sehr spannend. Sowohl die von Isabelle, wie sie diese Schwierigkeiten auf sich genommen, immer und immer wieder diese langen Fußmärsche auf sich genommen hat, um die Menschen aus dem Land rauszubringen. Aber ich stimme dir auch mit Viannes Sicht überein – zu erfahren, wie sie mit der Situation umgehen musste, wie fremde Männer bei ihr einquartiert wurden, wie sie Angst um ihre Tochter hatte und das alles – man mag es sich nicht vorstellen.

      Alles Liebe, Ela

  • Gabi

    Man kennt ja die nackten Zahlen und die Fakten rund um den 2. Weltkrieg und das Naziregime, aber gerade solche Bücher, die ein paar wenige Einzelschicksale beleuchten und einen emotional packen, machen es für mich erst greifbar, was damals passierte und wie schrecklich das alles war. Tja, leider ist das Thema immer noch und immer wieder aktuell, denn die Rechten sind wieder mal auf dem Vormarsch und natürlich fragt man sich, wie man selbst sich in solchen Situationen verhalten würde.
    Ich habe schon viele positive Meinungen über „Die Nachtigall“ gehört und es steht schon länger auf meiner Leseliste. Dein Eindruck zum Buch hat es bestätigt, dass es zu Recht dort steht und auch bald gelesen werden muss.
    Liebe #Litnetzwerk-Grüße
    Gabi

    • Ela

      Liebe Gabi,

      da gebe ich dir vollkommen Recht. Dieses Thema war irgendwie immer wichtig, aber gerade in der heutigen Zeit, ist es wieder wichtiger denn je. Mich berühren solche Bücher mit Einzelschicksalen auch immer sehr und dieses Buch hat auf jeden Fall einen ganzen tiefen Punkt in mir getroffen.

      Falls dich noch mehr solcher Bücher interessieren, kann ich dir auch sehr „Salz für die See“ von Ruta Sepetys ans Herz legen, falls du es noch kennst.

      Alles Liebe, Ela

  • Moni2506

    Hallo Ela,

    Eine einrückliche Rezension zum Buch. Mir ging es beim Lesen dieses Buches ähnlich wie dir. Mich hat die Geschichte teilweise sehr mitgenommen und ich habe mich oftmals gefragt, welche der beiden Schwestern ich wäre.
    Vianne hat mich anfangs aufgeregt, aber für den Weg, den Isabelle von Anfang an gewählt hat, muss man auch geschaffen sein, denke ich. Vianne hat erst mit Fortschreiten der Geschichte an Kraft gewonnen und war letztendlich auf ihre Weise auch sehr mutig. Es ist echt schrecklich, was zu dieser Zeit passiert ist.

    Lg, Moni

    • Ela

      Liebe Moni,

      das habe ich mich während des Lesens auch oft gefragt, habe aber darauf keine Antwort gefunden. Ich wäre gerne wie Isabelle gewesen, aber ich glaube, wenn ich Mutter wäre, würde ich vielleicht auch wie Vianne handeln. Auf jeden Fall eine schwierige Situation.

      Mir ging es mit Vianne ähnlich, am Anfang hatte sie mich auch sehr aufgeregt und ich konnte sie manchmal einfach nicht verstehen. Aber ich mochte ihre Entwicklung dafür sehr. Letztendlich zeigt die Geschichte von Vianne aber auch, dass man nicht immer wie Isabelle handeln muss, um trotzdem zu kämpfen und trotzdem mutig zu sein.

      Alles Liebe, Ela

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