Rezension

Melanie Raabe – Der Schatten

„Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Aus freien Stücken. Und mit gutem Grund.“ Gerade ist die junge Journalistin Norah von Berlin nach Wien gezogen, um ihr altes Leben endgültig hinter sich zu lassen, als ihr eine alte Bettlerin auf der Straße diese Worte förmlich entgegenspuckt. Norah ist verstört, denn ausgerechnet in der Nacht des 11. Februar ist vor vielen Jahren Schreckliches geschehen. Trotzdem tut sie die Frau als verwirrt ab, eine Irre ist sie, es kann gar nicht anders sein – bis kurz darauf ein mysteriöser Mann namens Arthur Grimm in ihrem Leben auftaucht. Bald kommt Norah ein schlimmer Verdacht: Hat sie tatsächlich allen Grund, sich an Grimm zu rächen? Was ist damals, in der schlimmsten Nacht ihres Lebens, wirklich passiert? Und kann Norah für Gerechtigkeit sorgen, ohne selbst zur Mörderin zu werden?

 

GEDANKEN ZU „DER SCHATTEN“

Nachdem ich 2016 sowohl „Die Falle“ als auch „Die Wahrheit“ mit Begeisterung gelesen habe, war die Vorfreude auf Melanie Raabes neuestes Werk bei mir natürlich groß. Die Idee ist so simpel wie genial: Was macht eine Prophezeiung, nach der wir einen Menschen töten sollen, mit uns? Was löst es in uns aus? Ist man wirklich in der Lage, zu einem Mörder zu werden?

Für „Der Schatten“ hat die Autorin sich als Setting Wien und den Winter ausgesucht. Alles ist grau und düster, die Kälte und Melancholie, die man in diesen Monaten verspürt, ist passend zum Thema. Mit dem Anfang der Geschichte hatte ich ein paar Probleme, denn es zog sich wirklich in die Länge. Das hatte ich auch bei den ersten beiden Büchern der Autorin, diesmal tritt die Spannung aber erst weitaus später ein, als ich es bisher kannte. Die Hiobsbotschaft mit dem Mord am 11. Februar kam sehr schnell, vieles in der Zeit zwischen der Prophezeiung und besagtem Tag selbst wirkte auf mich teilweise unwichtig und zu lang.
 

Jeder ist in der Lage, einen anderen Menschen zu töten, wenn er nur einen guten Grund dazu hat. Jeder. Auch du.
S. 84

 

Dennoch weis Melanie Raabe auch hier, wie sie den Leser in die Irre führt. Zunächst wirkte die Handlung unschlüssig und Fragen über Fragen türmen sich auf. Wer – wie ich – die Bücher der Autorin kennt, weiß aber, dass am Ende alles ein Gesamtbild ergibt, dass sämtliche Fragen und die ganze Verwirrtheit einen bestimmten Grund haben. Melanie Raabe spielt also auch hier wieder gekonnt mit der Psyche des Menschen. Manches war dabei viel zu offensichtlich, sodass ich leider über die Naivität der Protagonistin den Kopf schütteln musste, manches war aber so auch nicht zu vermuten.

Ein weiter Punkt, der mich störte ist das Ende. Wie bei „Die Wahrheit“ kann man darüber diskutieren, wie real oder absurd es ist. Das Ende, also die Prophezeiung, tritt einige Zeit vom dem tatsächlichen Ende des Buches ein. Danach gibt Melanie Raabe nochmals einen Rückblick, in dem sie tatsächlich alles auflöst. Auch hier lässt sich darüber streiten, wie man diesen Erzählstil findet. Mich persönlich störte es, denn ich wusste dann sehr genau, wie die Auflösung aussieht. Diesen Rückblick zu Ende lesen war dann nur noch, um die Bestätigung dafür zu erhalten, was ich mir eh schon dachte.

Allerdings muss ich dennoch anmerken, dass der Ausgang der Prophezeiung selbst tatsächlich ziemlich überraschend war und das zum Ende hin, viele Themen, die vorher irgendwo unterschwellig vorhanden waren schlüssig von der Autorin verknüpft wurden.

 

ZUSAMMENFASSEND

In ihrem dritten Buch „Der Schatten“ spielt Melanie Raabe wieder gekonnt mit der Psyche des Menschen und führt einen in die Irre. Leider war der Weg zum Ende aber diesmal etwas mühselig, da die Spannung erst sehr spät eintritt und vieles im Verlauf für mich sehr unwichtig wirkte. Zwar bietet es vor allem in Bezug auf die Prophezeiung einige Überraschungen, der am Schluss eingefügte Rückblick und damit die tatsächliche Auflösung waren dagegen sehr vorhersehbar. Für mich kann das Buch nur bedingt mit den vorherigen Büchern der Autorin mithalten, ein paar spannende Lesestunden hatte ich ab der Hälfte aber trotzdem, sodass man ruhig einen zweiten Blick auf das Buch werfen kann.


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BTB Verlag ||ET: Juli 2018 || 416 Seiten || Einzelband || Klappenbroschur || 16,00 EUR


Rezensionsexemplar  
Vielen Dank an den BTB Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: BTB Verlag

4 Comments

  • Lotta

    Liebe Ela,
    ich habe das Buch von Melanie Raabe mal wieder verschlungen, auch wenn es mir streckenweise ähnlich ging wie dir. Ich war nicht so ganz überzeugt wie bei den anderen Beiden, weil es ein wenig eine andere Art und Weise war. Trotzdem war das Buch meiner Meinung nach absolut lesenswert. Es war nur nicht so in dem Tempo, wie ich es mir erhofft hatte. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich zwar schon gewusst, dass sie manipuliert wird, aber ich fand die Auflösung und das Ende dann schon ziemlich spektakulär. 😀

    Liebste Grüße.

    • Ela

      Hallo Lotta,
      ich verstehe, was du meinst. Ich fand das Buch ja nicht schlecht, aber es ging mir einfach alles zu langsam und zu zäh diesmal. Das Ende war aber wirklich eine Überraschung und damit habe ich in der Weise nicht gerechnet. Auf jeden Fall kan man das Buch lesen, aber ich mochte Raabes erste zwei Bücher etwas mehr 🙂

      Alles Liebe, Ela

  • Gabi

    Hallo Ela,
    für mich gab es ein Auf und Ab zwischen mir und Melanie Raabes Büchern. Die Falle fand ich klasse, die Wahrheit hat mir nicht so gut gefallen – aber der Schatten hat wieder genau meinen Nerv getroffen. Die düstere Atmosphäre des winterlichen Wien hat mich total gepackt und der etwas ruhigere Handlungsverlauf hat genau dazu gepasst. Norah ist in meinen Augen nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, sie ist sozial ziemlich unbeholfen und steht plötzlich ganz isoliert da. Dieses Setting hat mir super gefallen.
    Und auch diese besondere Art, das Ende zu erzählen, fand ich sehr gelungen.
    Ich kann Deine Kritikpunkte schon gut nachvollziehen. In meinem Fall störten mich diese Dinge nur nicht, sondern genau die haben mir teilweise besonders gut gefallen.
    Aber ich finde, das spricht insgesamt nur noch mehr für Melanie Raabe als Autorin, denn sie hat eine Vielfalt, die mal bei mir, mal bei Dir sehr gut ankommt und bei jedem neuen Buch können wir wieder etwas Neues erwarten. Ich bin schon sehr gespannt, was als Nächstes von ihr kommt.
    Liebe #Litnetzwerkgrüße
    Gabi

    • Ela

      Liebe Gabi,

      spannend zu sehen, wie du die Bücher von Melanie Raabe empfindest. Große Sympathieträger waren die Charaktere von der Autorin noch nie, finde ich. Aber diesmal bin ich mit Norah gar nicht war geworden. Was ich aber an den Büchern von Melanie Raabe so mag, ist dass es am Ende immer dieses große Gesamtbild gibt.

      Auch wenn wir in den Büchern einige Unterschiede hatten, stimme ich auf jeden Fall mit dir überein, dass die Autorin eine große Vielfalt an den Tag legt und ich werde definitiv auch weiterhin zu greifen, denn ich glaube nach wie vor, dass weiterhin tolle Werke von ihr kommen werden.

      Alles Liebe, Ela

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